merguez

kurz bevor wir fahren, sitzt die maus plötzlich in einer ecke und springt, versucht, in den heizkörper einzudringen. ein knäuel fell, und wie auf einem trampolin.

kurz bevor wir fahren, ist es so heiß, dass ich 1,5 l wasser für 4 euro kaufe und sie und mich serpentinen hinauftrage. von oben sieht man links und rechts grau und in der mitte blau. unten nur noch blau, aber unterschiedlich. ich schwimme ein paar züge, an meinen füßen kleben saugnäpfe.

kurz bevor wir fahren, lasse ich das dachfenster auf und es gewittert. bleibt trotzdem heiß. mit einem ruck zieht die sonne das wasser aus den dielen.

fliegen schlüpfen ins haus, fliegen nicht, sitzen nur. auf glasrändern, meinen schultern, meinem rucksack. versammeln sich in einem kreis, sitzen, die langen flügel wie schleppen.

wir sitzen in einem kreis am wasser. es dauert, bis es dunkel wird. so lange essen alle salat, kommt das bier aus einer champagnerflasche. ein mädchen backt kieselkuchen, gepinkelt wird hinter den höchsten felsen.

fußball schaue ich in einem wettbüro. unten sitzen männer, rennen pferde. oben sitze ich. das bild ist schlecht, jedes getränk kostet 3 euro. als ich zum klo will, werde ich zurückgepfiffen. die ganze stadt riecht nach merguez.

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maulbeeren

es riecht nach olivenöl. ein mädchen steht links, rupft stücke von einem überfaustgroßen tannenzapfen, streut sie wie pfeffer in die flüssigkeit, die vor uns liegt. ab und zu rudert ein boot vorbei. ab und zu ein biber. eine frau fährt kettcar. ein ball schwappt ins wasser. die frau auf dem kettcar wird laut, schimpft, bis ein ruderboot den ball wie ein hund zurückbringt.

die maus ist leiser geworden. die hitze lauter. eine eidechse klebt an der wand.

ein paar wochen zuvor sitze ich an einer bar. an den tischen sitzt, wer essen bestellt. die meisten tische sind leer. ein paar ist beim nachtisch. ich rühre in meinem überteuerten getränk, da kommt der mistral die tür rein. kommt rein und haut mir einmal kräftig zwischen die wirbel. ich rücke einen hocker weiter. die tür schert wieder und wieder aus, erreicht keine wirbel mehr.

hinter dem strandparkplatz wachsen maulbeeren, auf der straße vor der tabakfabrik passfotos. ein kleiner junge mit braunen augen, liegt nun in meinen notizen.

ich notiere, dass ich das rathaus betrete, dass der eingang eine kreuzung ist, dass links mariages steht und rechts passeports gabonais. der standesbeamte trägt die französische flagge als schärpe. wir heiraten nicht. ich notiere mein erstes provenzalisches barbecue, ich notiere knoblauch und geschmolzener camembert. ich notiere, dass in der straße, in der wir auf ein konzert warten, fünf polizeiautos, mehr als zehn polizisten und zwei hunde warten, dass die polizisten restaurants betreten, warten und wieder fahren. notiere, wie ich zweimal ins meer stolpere, wie mein haar danach aus tauenden besteht, wie grün die erdbeeren sind und dass sie noch drei wochen zeit haben. ich notiere, dass es veilcheneis gibt.

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flamingos

die metro ist verschwunden. die tram. die busse. die katze auch. hat sich verdrückt, seitdem in unseren wänden eine maus schabt und kratzt. schabt und kratzt sich zwischen rohren und leitungen hindurch in den schrank. sitzt dort und frisst das pulver aus der spargelcremesuppe. kackt schwarzen sesam, schwarzen reis.

ich sehe flamingos.

ich sitze an einem platz in einer anderen stadt und esse ein sandwich. ein mädchen lernt fahrrad fahren. vor der kirche warten schwarzangezogene, auf der straße davor ein auto, ein sarg. die sonne hält mein sandwich warm, der vater ruft das mädchen cappuccino. rechts von mir zoomt eine frau mit ihrer kamera. eine fahne, gefolgt von einer gruppe touristen, zoomt sich bis zur kirche, staut sich. steht vor den schwarzangezogenen und zückt die ipads. ich zoome weg.

marseille. ein auto steht auf der straße. die fahrertür offen. eine frau singt happy birthday in ein telefon. die fischer verkaufen seeigel und streichen ihre boote. kinder stehen mit schnüren in den händen am hafen, lenken möwen. ich gehe in einen kräuterladen, um kräutertee zu kaufen. die frau fragt: mais, vous-avez quel problème ?

meine haut wird flamingofarben. mein haar bläht sich auf. alles wächst, der bambus wie spargel, ist groß geworden.

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sauge

es gibt hier keinen frühling. nur nicht-sommer und sommer. niemand räumt tische und stühle rein und wieder raus, die bleiben draußen, die menschen auch. ein fischer steht am alten hafen, verkauft fisch. in seiner nase steckt ein schlauch. in dem wägelchen neben ihm, statt kartoffeln und zwiebeln, sauerstoff. die fische sind inzwischen tot.

auch die hunde sind mehr an der luft, ihre haufen wachsen als unkraut aus der straße. die straße brechen sie auf, ein bisschen absperrband drumherum. zwei kinder ziehen sich cellohälse aus den müllcontainern, hämmern sie auf den boden, schlagen sie zu schwertern. die eltern sitzen an einem tisch und rufen arrêtez.

in den ersten wärmeren nächten schlafe ich schlecht. ich höre die katze auf dem dach. sie schläft auch nicht. rührt auch die kräuter nicht an, die ich in alte kuchenformen gedrückt habe. am morgen trage ich den sauge, den romarin den sonnenstreifen hinterher, die nur bis mittags auf der terrasse bleiben.

sonntags fahren alle zum strand, legen sich ins kiesbett. wir manchmal auch.

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thym

aus der stadt wachsen zuerst nonstopneonlichter, hühnchenfastfood, dann wiesen, perriergrün. ich kurbel das fenster nach unten. wir fahren auf einen berg zu. eine fette chaiselongue. dann sieht man ihn vor lauter kurven nicht. fünf stunden lang steige ich auf ihn drauf, doch er richtet sich immer wieder auf, streckt sich unter meinen schwitzfingern, die nach geröllbrocken greifen, nach kieseln und in rosmaringestrüpp. strommastensummen. meine füße rutschen, die hände reißen thymian. irgendwann bin ich oben, der berg unten. dann tauschen wir wieder.

das schwimmbad ist billiger als die metro. also presse ich meinen kopf in eine badekappe, schwimme zickzack, weil ferien sind. später stehe ich am bahnsteig, während leere metros an mir vorbeikraulen, wieder und wieder nicht stehen bleiben.

ich trete in hundescheiße, gehe ins ballett, kaufe wilden brokkoli, kardamom. das französisch speichelt.

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mousse

seit einigen wochen ist die stadt ein hügel dreckiges geschirr, der wieder und wieder abgespült werden muss. der dreck krustet, ich laufe an den öligen straßen entlang. wer mir entgegen kommt, trägt daunenjacke, ausgepolsterte stiefel, einen muskulösen schirm, der nicht so schnell nachgibt wie meiner. nur wenn die apotheke geöffnet hat, lässt sich die temperatur ablesen.

in der wohnung gibt es drei stühle, die ich regelmäßig verschiebe. der bambus filtert das licht wie eine heruntergelassene jalousie. ich sitze im hohlkreuz vor dem bildschirm, stehe nur auf, um den milchschäumer zu beruhigen, wenn er plötzlich losschäumt.

einmal setze ich mich an den alten hafen und knatsche mir falafel in den mund. die fähren fahren noch. eine knoblauchknolle schwimmt unter meinen füßen als schwan vorbei. wenn ich herumlaufe, halte ich tauben für ratten, ratten für tauben, spatzen für mäuse.

nachts kratzen krallen übers dach, unter dem ich schlafen will. ab und zu torkelt regen übers fenster. morgens werde ich nicht wach, suche die lehmigen ziegel nach dem schwarzen t-shirt ab, das seit einiger zeit wie ein geschirrtuch auf unserem dach liegt und trocknet.

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c’est le dernier metro. merci.

als ich wiederkomme, werden die dickbäuchigen tannen in säcke gepackt und auf die straße gehievt. liegen dort, bis die ratten ihnen in den bauch beißen, sie mit blaulicht wegkommen.

ich gehe mein revier ab. hinter einem der vergitterten fenster steht ein junge im musketierkostüm und richtet einen kleinen revolver auf den fernseher. das klavier am bahnhof ist verschwunden. ich tanze zu zwei akkordeons einen kreis.

männer stehen in roten badehosen am strand und das wasser schwappt als eine einzige riesige qualle an land. ich sitze auf bröckligem beton, der verboten ist. ein junge fotografiert und läuft mir durchs bild. gegenüber die sonne, pisst einen dicken strahl ins meer.

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allez les bleus

in den wohnzimmern stehen seit ein paar wochen geschmückte tannen. manche sind aus dem supermarché, manche ineinander gesteckt. trotzdem sitzen alle draußen und trinken ihre kleinen cafés. oder spielen fußball in unserer straße. t-shirt, kurze hose, tor. der himmel ist ungeschmückt, bis auf eine riesige kugel, die fällt gleich.

abends dann gehen alle in die disco. der himmel über der canebière braucht eine epilepsiewarnung. jede sekunde schießt ein stern runter. blinkt und blinkt nicht mehr, blinkt. der rest blinkt blau.

die katze ist dicker geworden. ich stehe an einem tisch, ausgedünnt, zerquetsche eier, honig und mehl. die hände krampfen.

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mezzanine

die stadt ist voller schießbuden. läden schließen nicht mehr. ich trage handschuhe und setze mich auf meine hände. ein mann läuft an mir vorbei, trägt einen ausgestopften fuchs vor der brust. augen, zunge. vielleicht ein hauptgewinn.

ich liege auf der mezzanine und komme nicht mehr runter. neben mir liegt alles kreuz und quer, wie ein mageninhalt, bücher, stifte, vor allem tassen mit kalt gewordenem. die heizungsluft fährt etage für etage zu mir nach oben, legt sich dazu wie ein schwerer, schlafender körper, den ich nicht aus dem bett rollen kann. also lasse ich ihn kalt werden. oder schlafe selbst. ein zahnarzt hat einen sauger in meinem mund vergessen. er zieht jeglichen speichel, bis ihn jemand vermisst.

nach einer woche wasche ich. sehe die katze wieder. sie sitzt auf der mauer, starrt die wäsche trocken.

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châtaignes et marrons, ils sont si bons.

die moskitos sind zu motten geworden. sie sitzen auf den lichtschaltern und warten. dennoch betrachte ich die waschmaschine als neues haustier. ich sitze neben ihr, wringe für sie socken aus, handtücher. die wohnung tropft. in meinem bauch schwappt es.

am alten hafen haben sie vor einer woche einen weihnachtsmarkt aufgebaut. es gibt zuckerwatte, barbe à papa, und ein riesenrad. hinter dem rücken der stände stehen fischer und ihre fische. beide leben noch. die einen werden live mit einer schere ausgehöhlt, die anderen schneidet der wind. in einer karaffe schwappt wasser, grenadinerot.

ich fahre zum ersten mal mit einem nachtbus. es gibt nur einen nachtbus. und einen nachtbusfahrer. er fährt ab 20 uhr im kreis. wer jetzt nach hause kommt, riecht verbrannt. der rest nach fleur d’oranger.

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